Micha beim Rother Challenge 2012

von Michael Heumann

These 1: Man will immer das, was man gerade nicht kriegt:

Eigentlich war alles wie vor jedem Langdistanztriathlon. Das Körpergewicht zu hoch, das Wetter zu schlecht, die Trainingskilometer zu wenig. Eigentlich wollte ich ja gar nicht unbedingt starten, bis -ja bis- ich vier Wochen vor Roth plötzlich wegen Fersenschmerzen humpelnd durch die Gegend kroch. An schnell Laufen war nicht mehr zu denken.

Plötzlich war eine erfolgreiche Teilnahme in weite Ferne gerückt und gleichzeitig komischerweise wieder das Einzige, worum sich die Gedanken drehten. Jetzt wollte ich unbedingt starten. Meine Laune war mies.

In meiner Verzweiflung begab ich mich kurz vor Roth sogar zum Arzt in die Sprechstunde: wenn schon, dann zu Dr. Rainer Müller-Hörner. Richtig, DER Rainer Müller aus Fürth, ehemals Vizeweltmeister Kurzstrecke und Dritter in Roth. Ein Klasse-Doc. Danach war klar, dass ich eine Gewebeentzündung neben dem Achillessehenansatz hatte und ich in Roth eben erst aufhören müsste, wenn die Ferse richtig weh tut. "Wenn Du keine 4 km schmerzfrei laufen kannst, dann kommst Du eh nur bis zur Lände und kannst das Laufen gleich lassen". Stimmt, Triathletenlogik! Rainer, Danke Dir, endlich Klarheit, dass nichts defekt ist, da konnte der Tag X ruhig kommen. Also die 4 km getestet. Die Ferse drückte nur etwas, prima.

Dann der Abend vor dem Wettkampf: ...Kinesiotape an die Sehne, Zelten bei Heuberg, Nudeln in Hip, letzter Blick auf den Startbereich, Schlafen im Auto auf der Luftmatraze...

These 2: Wo Schmerz ist, ist noch Leben:

Vor dem Schwimmstart entdeckte ich das erste der T-Shirts mit diesem klugen Spruch an einer Zuschauerin: "Wo Schmerz ist, ist noch Leben". Da Schwimmen nicht schmerzt, fand ich das Shirt zu diesem Zeitpunkt noch lustig und originell. Das sollte sich später ändern. Bumm, um 6:40 Uhr dann der Startschuss und 3,8 km und 57 Minuten später entstieg ich, hervorragend gelaunt, dem Rhein-Main-Donau-Kanal. So macht Triathlon Spaß.

These 3: Der größte Feind des Radfahrers ist der Wind, er kommt immer von vorne:

Was ist eigentlich der größte Feind des Radfahrers? Falsch, nicht der Wind! Es ist die Scherbe. Genau gesagt deren Folge: die Angst mit einer unreparierbaren Panne, Scherbe im Reifen und Tränen in den Augen, auf der Strecke zu bleiben. Die teure Karbonkiste vor Wut in den Straßengraben zu werfen. Wind macht die Radstrecke hart, die Scherbe aber kann sie unüberwindbar machen. Dann der zweitgrößte Feind? Stimmt, der Wind, der angeblich immer von vorne kommt. Objektiv zumindest tatsächlich von vorne, solange man nämlich nicht langsamer fährt, als der Rückenwind weht. Subjektiv kommt er sowieso immer von vorne. Leider gab es erstmal sowieso nur fiesen Gegenwind. Nicht den Subjektiven, sondern den Objektiven von vorne. Was natürlich auf Rundstrecken nur eingebildet sein kann...

Die Rother Radstrecke ist eigentlich schnell. Allerdings nicht mehr bei einem so saublöden Wind. Nachdem ich am Gredinger Kalvarienberg mit dem übelsten Wettkampfdurchschnitt meines Triathletenlebens schon wieder an so einem "Wo Schmerz ist, ist noch Leben"-T-Shirt vorbei fuhr, verstand ich den Spruch immer besser. Und ich begann die Trägerinnen dieser Textilien zu hassen. Es waren mindestens 20. Ich ertappte mich bei einem leicht verblödeten und verzweifelten Grinsen und beschloss auf den Raddurchschnitt zu pfeifen, die Radzeit abzuschreiben und einfach nur Spaß zu haben. Der Solarer Berg bestätigte mich in dieser Entscheidung. Die 1 km lange Gasse zwischen geschätzten 20.000 Zuschauern war noch besser als sonst... Puls 160, Lachen, Tränen, Gänsehaut, bevor einen der Berg oben wieder ausspuckt.

Irgendwie schienen die anderen Jungs glücklicherweise auch nicht schneller zu fahren und nach 180 km in 5:20 fuhr ich an den Edelbegleitern Norbert und Martin schon wieder grüsend und gut gelaunt vorbei in die zweite Wechselzone.

Jetzt sollte es spannend werden: kann der Schlumpf mit seiner Klumpferse nun laufen, oder nicht? Und wenn ja, wie lange denn? Ich schwankte zwischen Neugier, Angst und Resignation. Was ist besser: aussteigen müssen, oder einen Marathon mit 4 Laufkilometern Training in den letzten 4 Wochen im Schneckentempo absolvieren zu müssen? Oder nach halber Strecke humpelnd um ein Zuschauerrad betteln zu müssen?

These 4: Dead before DNF

Nachdem ich in der Wechselzone beim Umziehen die Konversation mit den netten Damen von der Helfercrew ausgiebig genossen hatte (man weiß ja nie, wie lange der Wettkampf noch dauert, da kann etwas gute Laune nicht schaden), tippelte ich in knapper Badehose und frischem Leibchen bedächtig und vorsichtig auf die Laufstrecke.

Die Ferse drückt! Jetzt wäre die ideale Gelegenheit die Qualen vorzeitig zu beenden. Gesundheit geht vor - flüstert mir der innere Schweinehund von der rechten Schulter ins Ohr. Komm Micha, die ersten 4 km bis zur Lände am Kanal gehen auf jeden Fall, säuselte das Engelchen von der linken Schulter. Das Engelchen war attraktiver und der Tag war ja noch lang, um die 42,195 Kilometerchen zu bewältigen. Also weiterlaufen.

Doch was war das? Schon wieder ein #Wo Schmerz ist, ist noch Leben"-Shirt an einer Zuschauerin, die mir sonst nie aufgefallen wäre. Ich fand das Sprüchlein jetzt nicht mehr lustig. Die Ferse schmerzte plötzlich mehr. Ein paar Schritte lang glaubte ich fast wirklich, heute nicht anzukommen, als die Rettung am Wegrand stand. Ja, diese hübsche Zuschauerin hatte das richtige Shirt an: #Dead before DNF". Gutes Motto! Supermotto! Für die Uneingeweihten: DNF heißt #Did not finish". Die Höchststrafe in einer Sportart, deren ursprünglicher Gedanke das #Finishen", also das #ins Ziel kommen" ist. Eher Sterben, bevor man DNF in der Ergebnisliste hinter dem Namen stehen hat. Etwas Theatralisch, aber ein Motto ganz nach dem Geschmack der selbsternannten Helden des Ausdauersports. Und was war das? Noch eine Gruppe junger Damen mit dem #Dead bevor DNF"-Shirt an der Strecke. Tränen der Rührung in den Augen beschloss ich, weiter Spaß mit den Helfern an den Stationen und dem Publikum zu haben und einfach zu laufen, egal wie lange es dauert. Eine hervorragende Begründung übrigens, um mit meinen Kumpels Knut und Jörn ein paar Hundert Meter gehend Kaffeekränzlein zu halten. So etwas hatte ich mir bisher immer verkniffen. Langsam machen gilt eigentlich nur beim Verpflegen und beim Entsorgen der Verpflegung. Dann waren es halt diesmal auch 4:06 Std. auf den Marathon.

Was bewegt nun alternde Männer so einen Blödsinn zu machen? Ganz sicher die Aussicht auf den Zieleinlauf mit einer hübschen blonden 12-jährigen Dame in Roth. Und natürlich die liebevollen Worte des Stadionsprechers, der meine Badehose und mein Top fachmännisch kommentierte: #Und hier kommt Michael Heumann, vom VfL Triteam Nürnberg, im Faris-Al-Sultan-Gedächtnis-Outfit in 10:29".

Ende - End - Fin - Final