Drama in 4 Akten: Bienen-Stich statt Hawaii-Toast

von Michael Heumann

1. Akt: Vorbereitung

Ich hatte mir einiges vorgenommen. Nach dem Sahne-Jahr 2009 stand 2010 im Zeichen des letzten Angriffs auf die Hawaiiqualifikation. Einmal wollte ich es im biblischen Alter von 46 Jahren doch noch probieren ...

Der Plan war: weniger Schimmen, dafür endlich einmal ausreichend und lange Laufen, da ich bei Analyse des Vorjahres feststellte, dass ich nach Schwimmen und Rad immer prächtig dabei war. So rannte ich bei Schnee und Eis mit meinem Trainingsschatten Norbert Rohde stundenlang durch den Wald. Alles klappte bis zum 12. Mai hervorragend. Fast zu gut.

Dann kam es aber dicke: Fußballspielen mit Wintersocken beim KITA-Fest, mit der Folge, dass ein Zehenballen danach seiner Haut bis aufs Fleisch entledigt war. Kaum war ein Häutchen nachgewachsen, stürzte sich eine hartnäckige Sommergrippe brutal auf mich. Dann habe ich noch etwas nachgeholfen und über Kopf dummerweise Trockenbauer gespielt. Die Schulter wollte danach nur noch ihre Ruhe und an Schwimmen war nicht zu denken. Die nächste Erklärung sagte dann 10 Tage vor dem Start Hallo. Der Feinschliff war also ausgefallen.

In der Vorwettkampfwoche stellten sich bereits die ersten Schwierigkeiten mit einer Biene ein. Dies hätte mich hellhörig machen sollen. Meine flügellose Hausbiene war sichtlich genervt und überfodert im Vorwettkampfstreß und der Familienrat beschloss dann, dass ich alleine nach Frankfurt fahren solle und Sabine und Nina zum Wettkampf mit Stefans Freundin und seinen Töchtern nachkommen würden. Nina darf eh nicht mit ins Ziel laufen. Schade.

Positiv: Hitzewelle, also mein Wetter! Normalzeit: 9:45 ... plus längere Radstrecke macht: 9:54 ... plus vermutetes Neoverbot macht 10:04 als Zielzeit ... Plus minus 10 Minuten.

2. Akt: das Neoverbot

So traf ich mich mit meiner Anarchotruppe, Stefan Wilhelm und Tobi Leitmann, in Frankfurt. Die beiden Talentärsche, mit Ironman-Zeiten knapp über 9.30, sollten mich so richtig antreiben. Martin Heider, mein Edelfan, war auch da und ich fühlte mich prächtig. Bei 26 Grad stiegen wir dann Sonntag früh ohne Neo in den Langener Waldsee und ich ging das Schwimmen ganz ruhig an. Ich wollte die mit Neo geplanten 58 Minuten um 10 Minuten verlängern. Mit 1.09 aus dem Wasser hatte ich aber trotzdem das Gefühl, etwas zu sehr getrödelt zu haben, obwohl ich noch gar nicht wußte, dass Stefan und Tobi schon seit 4 Minuten weg waren ...

3. Akt: die Überlegenheit des kleinen Insekts

Also rauf auf Rad. 185 KM wegen einer Baustelle, also ca. 9 Minuten mehr als sonst. Der Plan dafür: ein 36er Schnitt. Die Hoffnung: ein 37er Schnitt wäre womöglich drin. Nach 90 km zeigt die Uhr 2.27 Stunden. 36,7 Schnitt ... da dürften nicht viele in der Altersklasse mitfahren können und die Strecke war auch recht einsam um mich herum. Super. Stefan traf ich auch. Er quälte sich mit üblen Knieschmerzen ab und wollte in Frankfurt aufhören. Tobi vermutete ich ja fälschlicherweise noch hinter mir. Er holt mich sicher beim Laufen bald ein.

Etwas später, bestens gelaunt, durchfuhr meine Lippe plötzlich ein fieser Schmerz. Bevor ich die Biene, die ausgerechnet heute meinen Weg kreuzen mußte, wegschlagen konnte, hatte sie sich an mir festgestachelt. Ein paar Minuten später konnte ich schon meine rechte Backe von oben sehen, kurze Zeit danach auch meine Unterlippe. Diese sah von oben wirklich seltsam aus. Panik machte sich breit. Es konnte doch nicht sein, dass ein kleiner Stachel meine Quali versaut? Bienen-Stich statt Hawaii-Toast? Da war es also wieder, mein Bienenproblem der Vorwoche.

Auch ein Wettkampfrichter auf einem Motorrad, mit dem ich ein längeres medizinisches Beratungsgespäch führte, konnte per Telefon keine tollen ärztlichen Tipps besorgen. Auf meine Frage, wie mein Gesicht denn aussähe, meine er "wie a gschwollns Hefeküchla". Jetzt wußte ich auch, dass er so hilfsbereit war, weil mein Dialekt wohl Heimatgefühle ins Fränkische bei ihm weckte. Er hätte ja auch sagen können wie Quasimodo. Oder wie Martin später sagte: ... wie Hulk.

Der Kopf wurde heißer, die Lippe immer dicker. Immerhin, auf der linken Seite konnte ich noch trinken, auch wenn das Getränke etwas aus dem Mund sabberte. Das Kauen von Powerbars war schon etwas unappetittlicher. Was ist warm, weich und riecht nach Powerbar?

Das Tempo ging gefühlt gegen Null, der Schnitt sank beängstigend. Alle Kraft schien weg. Also gut. Stefan hatte ich noch zugerufen "Du kommst an, egal wie!". Jetzt mußte ich den Finishergedanken also auch hochhalten. Weitermachen, der Ironman ist wie das Leben. Auf und ab, aber alles an einem Tag im Zeitraffer.

So bei KM 150 kam langsam die Kraft zurück. An die mitleidigen Blicke der Zuschauer hatte ich mich gewöhnt. Die dachte wahrscheinlich, ich bin behindert und sehe immer so aus. "Toll, dass der mitmacht". Mit 5.12 Std. auf 185 KM ging die Zeit ganz ok und mit 35,6 Km/h Schnitt war die Situation auch gar nicht so aussichtslos, auch wenn diese Biene 5-10 Minuten gekostet hat.

4. Akt: der Ironman beginnt bei KM 25 der Laufstrecke

Also schnell hübsch gemacht und mit dicker Backe auf die Laufstrecke am Main entlang. Zuschauer ohne Ende und ... Eiswürfel an jeder Verpflegungsstation. Die Dinger lassen meine Lippe und meine Backe wieder schrumpfen und die Laune bessert sich. Es hat über 30 Grad Hitze. Klasse. Mir geht es gut.

Martin wie ein Geist an jeder Ecke der Strecke. Meine Nina und meine (Haus)Biene sind auch da. Grinsen geht auch wieder ganz gut.

Und ich bin wohl wieder auf Quali-Kurs. Erste 10 KM in 48 Minuten. Zur Belohnung gehe ich an einem Baum eine Minute gemütlich Pinkeln. Danach, gefühlte 5 Kilo leichter, rauschen die zweiten 10 KM immer noch in 52 Minuten locker vorbei. Und lange Läufe hatte ich ja genug trainiert. Das mußte sich doch auszahlen. Ich sollte Richtung 3.30 bis 3.35 auf den Marathon laufen können.

Der Ironman beginnt bei KM 25 der Laufstrecke, heißt es oft. So ist es. Es fängt an hart zu werden, das Tempo sinkt auf 5.20 Minuten pro KM. Meine Hochrechnungen der Zielzeit werden träger, wie die Beine. Die Sinnfrage kommt auf und wird sofort wieder verworfen. Nur noch Tempo 5.40 Minuten auf den KM. Dann, Jahre später: endlich Zieleinlauf auf dem Frankfurter Römer, Laufzeit nur noch 3:42, Tränen der Freude in den Augen. Endzeit 10:10, die Quali ist mir gerade völlig egal.

Mir geht es ganz gut und der Spaß beim Duschen, Essen und Massieren ist groß. Tobi ist schon da! 9:56. Er ist 30. seiner Altersklasse, der Sauhund, der talentierte. Hat uns richtig ausgemüllert. Stefan kommt später, aber er kommt an. Mit 11.28. Respekt Jungs, war schön mit Euch, auch wenn ich gerne zusammen eingelaufen wäre..

Abspann:

Danach dann allgemeines Athleten- und Fantreffen, Sammeln des Equipments und beladen der Autos. Ich bleibe mit Martin in einem Hotel mit Terrasse und italienischem Essen und um 23.15 macht das Restaurant leider zu.

Montag nach dem Frühstück ab an einen See und dann zur Siegerehrung und Vergabe der Qualiplätze. Ich habe den 24 Platz der AK. Es gibt 17 Startplätze für Hawaii. Wenig Chance für mich. Der 3., der 4., 5. und 7. fahren nicht. Ich glaub ich spinne! Klappt es doch noch? Letzter Platz dann für die Nummer 21 mit 10.08.02 ... also nur 2.39 Minuten vor mir. Ich war 0,4% zu langsam.... Schon Mist. Aber dafür habe ich jetzt viel Zeit und wir können schön in den Zelturlaub fahren.

Was bleibt zwei Tage später übrig?

Die Nach-dem-Wettkampf-Wochendepression.
Schön, dass ich angekommen bin, trotz der Biene. Bin irgendwie zufrieden.
Blasen an den Füßen und ein gar nicht so schlimmer Muskelkater in den Beinen.
Etwas Wehmut, weil es soooo knapp war. Was wäre gewesen wenn... Aber es reicht halt nicht. Punkt und aus.
Die Anmeldung für den nächsten, den 10. Ironman: Roth oder Regensburg 2011? Ich bin schon gemeldet. Regensburg, 07.08.2011. Freu mich schon. Roth ist 5 Wochen vorher. Da könnte man doch mal versuchen, ob ...
Ziele bleiben: Ich wollte immer mindestens 10 Eiermänner machen und einmal davon natürlich in Lanzarote. Und ich will Roth nochmal machen. Und Barcelona auch. Wenn ich gesund bleibe.

Bis bald, Micha