"Dieser Weg wird steinig und schwer"

Bericht vom Rennsteiglauf 2007
von Christoph Bunse

Ein wunderschöner Tag kündigt sich an, als ich eine dreiviertel Stunde vor dem Start auf dem Eisenacher Marktplatz eintreffe. Die Temperatur ist jetzt um viertel nach 5 noch etwas kühl, aber der wolkenlose Himmel verspricht bestes Laufwetter. Es herrscht die vor Wettkämpfen übliche Betriebsamkeit. Gepäckabgabe, Startvorbereitungen, jeder ist in seinem eigenen Ablauf. Aus den Lautsprechern dröhnt Musik der 60er und 70er Jahre, dem Alter der meisten Teilnehmer angepasst. Nach der Ehrung der ältesten Teilnehmer (Frauen 68, Männer 76 Jahre) liest der Bürgermeister noch vom Zettel ab, dass er allen Läufern viel Erfolg wünscht und gibt - peng - den Startschuss.

Das Feld setzt sich in Bewegung und schon schlängelt sich die Strecke mit 9% Steigung über Kopfsteinpflaster durch Serpentinen aus Eisenach heraus. Noch sind alle in ruhigem Tempo beisammen, hinter mir witzeln ein paar Läufer im DDR-Jargon ... ja das haben wir im Kollektiv beschlossen und an die Parteiführung weitergeleitet ... Humor ist auch eine Möglichkeit der Vergangenheitsbewältigung.

km 7 - Die erste Getränkestation. Bis jetzt ging es nur bergauf. Der große Pulk hat sich schon etwas entzerrt.

km 15 - Wir laufen (bergauf) durch Waldschneisen und Lichtungen, die es vor Kyrill noch nicht gab. Die schief stehenden Baumstümpfe und in die Luft ragenden Wurzeln sehen gespenstisch aus.

km 18 - Der Wald verfinstert sich, die Bäume stehen hier enger und es geht über Wurzeln bergauf. Jetzt weiß ich, wozu der Kniehebelauf im Wintertraining gut war!

km 20 - Langsam entwickelt sich der (bergauf-) Lauf zu dem einsamen Rennen, das ich erwartet habe. Jeder ist weitgehend allein unterwegs, nur zwei, drei Läufer sind noch im Blickfeld voraus.

km 23 - Es geht immer noch bergauf. Die ersten gehen schon an den steilsten Stellen. Mit kurzen Laufschritten auf dem Vorderfuß bin ich kaum schneller als sie.

km 25,5 - Der Große Inselberg ist bezwungen, fast die Hälfte der 1490 Höhenmeter geschafft. Jetzt ist der Weg zwar asphaltiert, geht aber steil bergab. Auf nur 1300 m verlieren wir 200 Höhenmeter. Aua, das tut schon richtig weh! Unten wartet die nächste Verpflegung Gel, Wasser, Tee, dann geht's weiter bergauf! Och neee, ne!? Also das ist jetzt aber nicht wirklich lustig!

Bei km 30 ruft mir eine Zuschauerin meine aktuelle Platzierung zu 77. Danke, jetzt weiß ich immerhin, wo ich bin. Das nächste kleine Zwischenziel ist die Kilometertafel bei 35. Bis dahin schaffe ich es in 23:30 min.

km 36 - Halbzeit! Mal sehen, bis jetzt habe ich 3:04h in der Zeit schaffe ich auch einen normalen Marathon. Mal 2 plus etwas Zugabe schaffe ich vielleicht 6:15h? Es läuft gerade prima. Das Profil ist hier leicht wellig und ich bin schon in den hohen 60er Platzierungen. Das Überholen der Konkurrenten macht Hunger auf mehr ...

km 41 - Kurzes Aufwachen aus der Trance. Bei der Getränkestation Neue Ausspanne überqueren wir eine Straße, danach verläuft di Strecke durch eine ausgewaschene Rinne mit viel Geröll (wieder mal) bergauf und man muss sich konzentrieren, wohin man tritt. Auch das kenne ich aus dem Wintertraining: Möge der Weg - auch steinig sein ... Dass ich wieder ein paar gehende Konkurrenten überhole, gerät zur Nebensache.

km 50 - Keiner mehr vor mir zu sehen. Dabei fehlen nur noch 3 Überholte und ich wäre in den Top 50! Cool! Ein wandernder Zuschauer staunt: Der läuft ja noch richtig locker! Das sieht auch nur so aus ...

km 55 - Der Wintersportort Oberhof ist erreicht. Hier treffe ich einen Bekannten. Den Mann mit dem Hammer. Dass der hier auch mitläuft ...

km 58 - Mein Name ist Christoph Bunse, Startnummer 807, es geht mir gut, la lalaaaahh!!

km 61,5 - Plänckners Aussicht, der höchste Punkt der Strecke liegt auf 973 m. Ausgerechnet hier bekomme ich Seitenstechen. Liegt wahrscheinlich daran, dass ich die Cola bei der letzten Getränkestation zu hastig getrunken habe.

km 64 - Kurz vor der Verpflegung Schmücke steht ein kleiner Junge mit seinen Eltern. Mit hochrotem Kopf feuert er lautstark die Läufer an, nicht aufzugeben. Als ich mich beim überqueren der Straße nach dem Verkehr umschaue, ruft er mir zu Nicht umdrehen, das gibt Seitenstiche! Danke, denke ich bei mir, die hab ich schon - Klugscheißer. Aber in Wirklichkeit überwiegt meine Freude an dem emsigen Knirps, seine Unbefangenheit und seine gute Absicht. Die letzten Meter zur Verpflegung trete ich bergab in die Wiese, werde überholt, die Füße kleben am Boden. Nee, locker ist das nicht mehr ...

km 68 - Die letzten Kilometer werden zur Tour d'honneur. Die Wanderer, deren Strecke hier mit unserer gemeinsam verläuft, machen bereitwillig Platz, applaudieren freundlich und anerkennend und der Ruf Läufer! setzt sich dominoartig nach vorne fort. Aber, verdammt, wo bleibt nur die Tafel bei km 70 ?

Erst bei km 71 steht die nächste Tafel. Es geht immer noch bergab, die Beine brennen bei jedem Schritt. Noch 8 Minuten, dann bin ich im Ziel. Noch 7 Minuten ... 6 Minuten ... Hoffentlich sieht mich keiner, dieser Laufstil ist sagen wir mal originell.

km 72,7 - Ziel. Endlich stehen bleiben. Ich habe kaum noch die Kraft, mich über das Geschaffte zu freuen, bin einfach nur platt, selbst die PIN zum einschalten des Handys fällt mir nicht mehr ein.

Im Transferbus zurück nach Eisenach komme ich langsam wieder zu mir und erkenne manche Passage wieder (da sind immer noch Läufer unterwegs!). Wenn ich wieder ausgeruht bin, werde ich bestimmt auf ein unvergessliches Abenteuer zurückblicken. Und, wer weiß, vielleicht mache ich hier irgendwann noch einmal mit?

Die Ergebnisliste, Streckenbeschreibung, Höhenprofil und weitere Informationen rund um die Veranstaltungen des Rennsteiglaufs stehen im Internet unter www.Rennsteiglauf.de