Von Florian Pöhlmann
Nürnberger Zeitung, 04/2005

Glaubt man dem Volksmund, schmecken Siege ganz besonders süß. Würde diese These aber tatsächlich der Wahrheit entsprechen, dürfte Ausdauerathlet Hannes Schmidt eigentlich gar keine Zähne mehr im Mund haben. 2004 gewann er alles, was es für ihn zu gewinnen gab. Und dieses Rennjahr begann schon wieder so erfolgreich, wie das letzte geendet hatte: Schmidt verteidigte am Sonntag bei der zweiten Auflage des Nürnberg-Marathons seinen Titel.

Der König der fränkischen Marathonläufer setzte sich am Sonntag selbst die Krone auf. Bei dem phänomenalen Schlusssprint nach knapp 42 Kilometern, der alle Anwesenden im Frankenstadion von den Sitzen riss, ließ er den einzigen Konkurrenten, den er noch vor sich hatte, glatt stehen. Und dass, obwohl der Sieg zwischenzeitlich in unerreichbarer Ferne schien. „Mir ist es vorgekommen, als ob ich Schlussläufer in der Staffel bei den Olympischen Spielen war“, sagte Schmidt 24 Stunden und einige Gläser Rotwein später.

Der 38-Jährige ist allen süßen Siegen zum Trotz eben noch immer bissig. Als er wieder Witterung aufgenommen und den Führenden wenig später im Blick hatte, hieß es nur noch „Augen zu und durch“. 300 Meter rannte er, als wären Höllenhunde hinter ihm her. Dann sank der Triumphator total erschöpft ins Gras des Frankenstadions.

Allein für diesen Moment des Glücks lohne sich die Plackerei das ganze Jahr über, das frühe Aufstehen, wenn jeden Sonntag der Lauftreff mit den Kollegen vom VfL Nürnberg anstand. Sommer wie Winter, denn die paar Kilos mehr, die sich über die Feiertage ansammeln, müssen bis zum Start der Laufsaison schließlich abtrainiert werden. 76 Kilo hat der 1,86 m große Schmidt in der Wettkampfpause, nur noch 72 Kilo waren es am Sonntag. „Ohne Plätzchen und Lebkuchen könnte ich aber nicht“, bekennt der gebürtige Nürnberger, „da würde ich ja lieber mit dem Sport aufhören.“

Das steht für den ehemaligen Fußballer und Kampfsportler, der mit 23 Jahren seinen ersten Marathon „nur so zum Spaß“ bestritt, aber nicht zur Disposition. Er werde so lange laufen, wie es ihm Freude bereite und er mithalten könne. Nur mit seiner zweiten, großen Leidenschaft, dem Triathlon, wird der Nürnberger künftig wohl kürzer treten. Vor allem das Rad-Training sei sehr zeitintensiv, meinte Schmidt, der 1995 als Zuschauer vom Ironman-Virus infiziert wurde und seitdem fünfmal am legendären Hawaii-Ironman teilgenommen hat.

Leben kann Schmidt vom Sport alleine aber nicht. Bereits am Tag nach seinem Sieg in Nürnberg saß der gelernte Groß- und Einzelhandelskaufmann schon wieder im Büro der Sicherheitsfirma Arndt, wo er seine Brötchen in Vertrieb und Marketing verdienen muss. Immerhin firmiert sein Arbeitgeber seit einiger Zeit als Sponsor eines kleinen Laufteams. Da ist es schon „das höchste der Gefühle“, wenn wie jüngst erstmals geschehen, ein Trainingslager auf Mallorca gezahlt wird. Aber das ist für Schmidt fast nebensächlich. „Freude, Euphorie und Schmerzen“, bestimmen wie am Sonntag beim Zieleinlauf sein Leben. Und für eine Tafel Schokolade reicht es für den „süßen Schmidt“ immer.