Die Atmosphäre beim Ironman war gigantisch

Nach 13:07 Stunden hatte Carolin Böhm-Reichert ihr größtes Ziel ihrer Sportkarriere erreicht: Die 30-Jährige vom VfL TRITEAM Nürnberg ist beim Ironman auf Hawaii im Oktober im Ziel angekommen. Es war das erste Mal, dass sie sich für den Triathlon Klassiker durch ihren vierten Platz beim Ironman in Kärnten qualifiziert hatte. Die NZ sprach mit der Nürnbergerin über den Wettkampf und ihre neuen Ambitionen.

Frau Böhm-Reichert, wie hat Ihnen Ihre Reise nach Hawaii gefallen?

Böhm-Reichert: Die Atmosphäre war gigantisch. In Kona gibt es nur ein Thema: diesen Wettkampf. Auf dem Weg vom Flughafen zum Hotel standen überall Ironman-Schilder, überall haben wir Leute joggen sehen. In dieser einen Woche im Oktober gibts dort einfach nur Triathlon. Wir gehen eigentlich immer etwas später ins Bett. Wenn man um 20 Uhr noch in einem Restaurant ist, ist man aufgefallen. Um 21 Uhr war die Straße wie leergefegt. Dafür war morgens um 7 Uhr beim Schwimmtraining schon die Hölle los.

Wie steht die Bevölkerung dazu, dass ihre Insel eine Woche lang von Triathleten belagert wird?

Böhm-Reichert: Das ist ganz anders als in Deutschland. Die Einwohner sind total interessiert. Das ist Wahnsinn! Vor dem Wettkampf sind die Leute offen auf mich zugegangen und haben mir viel Erfolg gewunschen. Auch nach dem Wettkampf wurde ich überall angesprochen. Die Einwohner gehen auf Hawaii volle Kanne mit. Wenn man dagegen beim Ironman in Klagenfurt teilnimmt, dann ist am Tag danach nichts mehr los. Im Ziel wird man auf Hawaii hingegen auch dann noch gefeiert, wenn man 13 Stunden gebraucht hat. Dort zählen eben nicht nur die Sieger.

Der Ironman auf Hawaii war der erste Triathlon, bei dem Sie im Meer schwimmen mussten. Wie liefen diese 3,8 Kilometer?

Böhm-Reichert: Hier dürfen wir ja auch keinen

Neoprenanzug tragen. Das war schon ungewohnt. Mit dem Salzwasser hatte ich aber keine Probleme, weder habe ich Wasser geschluckt noch in die Augen bekommen. Vielleicht deshalb nicht, weil ich nicht im Pulk geschwommen bin, sondern dem Pulk hinterher. Ich hatte aber oftmals das Problem, mich zu orientieren, denn ich habe keine Füße gesehen, denen ich nachschwimmen konnte. Und wenn Wellen waren, dann habe ich auch keine Bojen gesehen. Das Schwimmen waren eineinviertel Stunden Kampf.

Sie gelten nicht gerade als Schwimm-Spezialistin. Das Radfahren war dann sicherlich mehr ihre Strecke. Wie waren diese 180 Kilometer?

Böhm-Reichert: Das Radfahren war auch der Knüller. Die ersten 30 Kilometer war noch kein Wind, da hatte ich noch einen 30er oder 31er Schnitt. Bis dahin habe ich gedacht, das ist ja nicht so schlimm. Dann kam halt irgendwann der Wind und es ging gar nichts mehr. In diesen Situationen läuft viel im Kopf ab. Du musst dich aber damit abfinden. Was ganz gut ist: Weil ich so spät aus dem Wasser kam, aber am Rad schneller bin, konnte ich einige überholen.

Beim Marathon konnten Sie ja ebenfalls einige Athletinnen überholen.

Böhm-Reichert: Ja, das stimmt. Was das noch etwas begünstigt hatte: Einige hatten wohl etwas überzockt und sind den Ironman zu schnell angegangen. Beim Laufen kam dann aber irgendwann die Dunkelheit. Du siehst die Kilometer Schilder fast nicht mehr. Ich hatte aber keinen totalen Einbruch. Ich war nur da, um zu finishen. Alles piano. Ich habe mir beim Wechsel acht Minuten Zeit gelassen, die Socken angezogen, mich mit Sonnencreme eingeschmiert. Bei meinem ersten Ironman auf Hawaii gings mir ja nur ums Finishen.

Das Ziel haben Sie nach 13:07 Stunden schließlich auch erreicht und den 1199. Platz erreicht.

Böhm-Reichert: Naja, jetzt ja als 1198., nachdem die Siegerin Nina Kraft wegen Dopings disqualifiziert worden ist. In meiner Altersklasse bin ich als 58. ins Ziel gekommen.

Haben Sie sich mit der Hawaii-Teilnahme einen Traum erfüllt?

Böhm-Reichert: Ja, Hawaii war schon immer das Ultimative, aber das nie Erreichbare. Ob ich nächstes Jahr wieder teilnehmen würde, weiß ich nicht. Das Training neun Wochen vorher war kein Spaß.

Gibt es dann andere neue Ziele?

Böhm-Reichert: Ich würde jetzt gerne einmal einen Ultra-Marathon laufen. Das schätze ich von der Belastung her noch höher ein. Oder doch meine Zeit auf Hawaii toppen.

Wie sind Sie überhaupt zur Ausdauersportart Triathlon gekommen?

Böhm-Reichert: Ich bin jetzt schon seit fünf Jahren Triathletin. Früher habe ich Tennis gespielt und bin ins Fitnessstudio gegangen. Mein Mann Harald hat dann irgendwann beim Rothsee-Triathlon mitgemacht. Ich fand das auch spannend, dann habe ich ein Jahr später nachgezogen. Dann hat er seinen ersten Ironman gemacht, und ich wollte dann auch nicht nachstehen. Inzwischen habe ich vier Ironmen gemacht, einen davon in Roth. Mein Mann hatte mir aber immer etwas voraus. Nur mit Hawaii ist das jetzt anders, da war ich die Erste.

Fragen: Markus Kaiser
Nürnberger Zeitung, 10/2004